Die Tonwarenfabrik - Bürger für Denkmale

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Die Tonwarenfabrik | Jan Mende

Jan Mende: Die Tonwarenfabrik. Tobias Chr. Feilner in Berlin. Kunst und Industrie im Zeitalter Schinkels,
Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2014
ISBN: 978-3-422-07207-7, 58 €
Zwei Tonwarenfabriken haben in Berlin im 19. Jahrhundert den Bedarf der Architekten an ornamentaler und figuraler Baukeramik sowie an Öfen einschließlich ihrer Zierkeramik und an Bedarfsgegenständen befriedigt. Sie deckten den Zeitraum fast des gesamten 19. Jahrhunderts ab: einmal die Tonwarenfabrik Feilner, über die jetzt seit 2013 die von Jan Mende verfasste ausgezeichnete und umfangreiche Arbeit vorliegt, und die mehr als ein Jahrzehnt ältere Publikation zur Familiendynastie der in Charlottenburg ansässigen Familie March, erschlossen von Birgit Jochens und Doris Hünert: "Von Tonwaren zum Olympiastadion. Die Berliner Familie March … eine Erfolgsstory, Berlin 2000". Eigentlich muss man noch den Berliner Eisenkunstguss hinzugesellen, dem bereits mehrere Publikationen gewidmet worden sind, um diese Werkgruppe zu vervollständigen.

Die Arbeit von Jan Mende erhielt ihren Anstoß mit dem Auftrag zur Sichtung der im Märkischen Museum unbeachtet lagernden Bestände der Kachel- und Ofensammlung, sie war zu bergen und zu registrieren. Das Vorhaben wuchs sich, vorzüglich wissenschaftlich aufbereitet, zu einem kunst- und kulturgeschichtlichen Handbuch aus, das die Jahre kennzeichnet, in denen sich Preußen von seinem finanziellen und wirtschaftlichen Niedergang nach 1815 langsam erholte und die künstlerische Autorität Schinkels auch die Produkte einer Tonwarenfabrik prägte. Das eng vertraute Arbeitsverhältnis zwischen Handwerker und Architekt  führte schließlich dazu, dass Schinkel das Wohnhaus Feilners in der Feilnergasse entwarf. Dessen Standort ist heute nur noch indirekt in einem modernen, sich angleichenden und nicht ortsgenauen Neubau zu erkennen – die Rekonstruktion scheiterte einmal am künstlerischen Selbstverständnis des Architekten wie an der Denkmalpflegetheorie. Untergegangen ist auch die Feilnersche Fabrik, die Mende aber sehr gut dokumentieren konnte. Qualität und Leistungsfähigkeit der Feilnerschen Manufaktur bezeugen gegenwärtig im Stadtbild noch das Palais des Prinzen von Preußen Unter den Linden, entworfen von Ferdinand Langhans, mit den im Mezzanin untergebrachten Wappen und allegorischen Assistenzfiguren, nach Modellen des Bildhauers Ludwig Wichmann von Feilner ausgeführt. Der sorgfältige Werkkatalog, untergliedert in "A. Öfen, Kaminöfen und Kamine, B. Gefäße, C. Kandelaber und Badewannen, D. figürliche Arbeiten, E. Baukeramik, F. Musterblätter, Entwurfs- und Werkzeichnungen, Werbezettel, F. Portraits von Tobias Christoph Feilner und seiner Familie, H. Darstellungen und Grundrisse der Tonwarenfabrik, I. Technische Darstellungen", macht nicht nur den breiten Ansatz der Bearbeitung deutlich, sondern kann noch einen Bestand von nicht ganz 375 Exponate aufführen, die über die Berliner Sachzeugnisse hinaus weitere in Deutschland verbreitete Objekte umfasst. Die Kategorien A. bis I. des Katalogs werden vorangestellt in vertiefenden Textbeiträgen dem Leser erläutert, womit sich diesem auch eine produktionstechnische und wirtschaftgeschichtliche Welt eröffnet, und natürlich muss auf die Abhängigkeit der Terrakotten von dem durch Schinkel populär gemachten Ziegelrohbau eingegangen werden, für den das Feilner-Haus ein hervorragendes Dokument war. Die Veröffentlichung erfüllt somit den Anspruch an eine erschöpfende Darstellung, die für die nächsten Jahrzehnte Bestand haben wird. Ein zugegeben sinnliches Vergnügen bereitet das Studium der 64 farbigen Abbildungen, wobei die nach Schinkels Tod entstandenen Objekte und Musterblätter deutlich vor Augen führen, dass nach 1840 eine neue Zeit angebrochen war.

Mit zunächst bescheidenen Anfängen begann 1836 die Tonwarenherstellung der Familie March, mit Wohnhaus und Fabrik in Charlottenburg, fast an der Stadtgrenze nach Berlin knapp nördlich des heutigen Ernst-Reuter-Platzes angesiedelt. Die 230 Seiten umfassende Publikation ist als handbuchartiges familiengeschichtliches Kompendium angelegt, zu dem gleichwohl eine Einführung in die Produktion der Fabrik gehört. Sowohl in der Konzeption wie in der Qualität der Darstellung verdient es hohe Beachtung. Schinkel starb 1841, für die Marchs änderte sich im Vergleich mit Feilner das baukünstlerische Umfeld. Die nicht nur in biographischen Notizen vorgestellten Mitglieder der Familie sind Ernst March als Gründer, gestorben 1847, Bruder Paul March, gestorben 1903, dessen Sohn Albert March, gestorben 1927, dann gefolgt von den Architekten Otto und Werner March. Dem sich nach den vierziger Jahren schließlich für die Marchs ebenfalls einstellenden wirtschaftlichen Erfolgt  entsprach eine opulente Villa – jetzt natürlich in  neugotischem Stil. Auch die Erzeugnisse der Marchschen Fabrik sind in Berlin mit zwei allseits bekannten Baudenkmalen vertreten – dem Neuen Museum sowie dem Roten Rathaus und aus dem Charlottenburger Umfeld beispielsweise mit dem Haus Lindenallee 49. Die knappen, aber inhaltsreichen und gut bebilderten Biographien zur Ära der Tonfabrikation hat Birgit Jochens verfasst, Doris Hünert als Mitherausgeberin und Gudrun Täubert sind die beiden anderen Autorinnen. Beachtenswert ist der Anhang, der in tabellarischen Kurzfassungen die Lebensläufe enthält, ein Verzeichnis von Bauten und Anlagen mit Produkten der Tonwarenfabrik March sowie den Werkverzeichnissen der beiden Architekten mit weiterführender Literatur und - als den Geist der vierziger Jahre offenbarendes Dokument - Auszüge aus dem Tagebuch der Sophie March, die nach dem frühen Tod des Firmengründers die Manufaktur durch wirtschaftlich schwierige Zeiten führen musste. Einen Tag nach der Märzrevolution notierte sie am 19. März 1849, die Empfindungswelt des Biedermeier kennzeichnend: "Eine schreckliche Nacht haben wir verlebt (…) noch schrecklicher haben die Berliner gelitten. (…) Wie muss dem Könige und der Königin das Herz bluten. – Während alle Erwachsene im Hause wachten habe ich einige glückliche Augenblicke geträumt – ich hätte Dich noch mein Ernst, aber Du warst krank, meine kalte Hand kühlte Deine heisse Stirne, und es that mit so unendlich wohl Dir einige Erleichterung verschaffen zu können."

Prof. Helmut Engel

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