Im Spiegel der Geschichte - Bürger für Denkmale

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Im Spiegel der Geschichte | Matthias Eberle

Matthias Eberle: Im Spiegel der Geschichte. Realistische Historienmalerei in Westeuropa 1830-1900.
Hirmer Verlag, München 2017
ISBN-13: 978-3777427980, 69 €
Das unbezweifelbare Verdienst der Arbeit besteht darin, das Thema Geschichtsbild, wenn auch nur für das 19. Jahrhundert, in einem übergreifenden (westeuropäischen) Zusammenhang dargestellt zu haben, womit der Rückgriff auf Einzeldarstellungen – in Deutschland von den eher bekannten Arbeiten der Düsseldorfer Schule bis zu den kaum noch wahrgenommenen Arbeiten von Arthur Kampf – sich zu einem Gesamtbild verbindet, das sich mit der Pariser Juli-Revolution zur realistischen Geschichtsmalerei entwickelte – vor dem Hintergrund von Rankes Urteil zu Sinn und Bedeutung der Geschichtsforschung ("wie es gewesen", 1828). Der die deutsche Malerei das ganze Jahrhundert durchziehende Streit zwischen den Künstlern der idealistischen und der realistischen Schule konnte deshalb bei Eberle keinen Platz einnehmen, selbst wenn Wilhelm von Kaulbach als "Idealist" und Maler der Treppenhausbilder im Neuen Museum mit ihren sechs (zerstörten) Monumentalgemälden mit der Schilderung der wichtigsten Zäsuren in der Universalgeschichte zeitgenössisch als Geschichtsmaler geführt wurde. Noch im 19. Jahrhundert untergliederte sich die Malerei in einzelne Spezialgebiete, so die als ranghöchste erachtete Gattung in die der "Historienmalerei" und der "Schlachtenmalerei". Abgehandelt wird mit dem vorliegenden, in der Fülle des gesammelten Materials einschließlich des vorzüglichen Bildbestandes respektablen Band nahezu ausschließlich die "Geschichtsmalerei" realistischer Richtung. Die geschichtliche Entwicklung dieser Gattung seit der Renaissance ist durch Thomas W. Gaethgens ("Historienmalerei", Berlin 1996) aufgeschlüsselt worden ist. In Frageform kommt dabei 1862 Max Schasler zu Wort: "Was sind das für Bilder? Sind sie der Art, dass sie allgemeines Interesse verdienen, packen sie durch die Größe ihrer Ideen, durch die Vortrefflichkeit ihrer Ausführung, durch ihre volkstümliche Bedeutung den für alles Große und Schöne offenen und empfänglichen Sinn der Nation?" – womit mit "Größe der Idee" und "ihre volkstümliche Bedeutung" für das Empfinden der Nation die beiden bedeutendsten Ziele und Eigenschaften der Geschichtsmalerei im 19. Jahrhundert umschrieben sind. Der Definition Rankes folgend legt Eberle seiner Darstellung die ausführliche Schilderung der zum Bildgegenstand gehörenden Geschichte und ihrer unmittelbar zugehörenden Geschichtsereignisse zugrunde und macht so die wiedergegebenen Bildthemen verständlich, zumal dem heutigen Leser in der Regel nur unzureichende Geschichtskenntnisse besonders der englischen und französischen Geschichte zur Verfügung stehen. Dass die Bildwerke in dem betrachteten Zeitraum von einem Dreivierteljahrhundert natürlich den stilistischen Entwicklungen, aber auch den nationalen Eigenarten sowie den persönlichen Handschriften der Künstler unterliegen mussten, um sie auch als Kunstwerke zu verstehen, bleibt anzumerken. Mit den Bildern von Wilhelm Camphausen oder Georg Bleibtreu aus dem preußischen Feldzug 1864 gegen die Dänen, der seinen Wendepunkt mit dem Übergang bei Alsen erreichte, greift Eberle auch in das Gebiet der Schlachtenmalerei aus und damit in eine von nun an ausgesprochen vaterländische Sphäre; zudem gab der Krieg 1870/71 die Vorlagen für Schlachtenbilder ab (Wörth) wie die Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles auch zum Geschichtsbild, bei diesem Ereignis vom 18. Januar war Anton von Werner Zeitzeuge. Eberle belegt eindringlich, dass der Maler jetzt im Gefolge eines fürstlichen Befehlshabers oder eines Stabes unmittelbar dem Kampfgeschehen folgen konnte, den Ablauf von Gefechten durch das Fernglas beobachtete, über das Schlachtfeld mit seinen Toten, Verwundeten und Zerstörungen lief oder sich vor Ort von Soldaten den Ablauf des Geschehens berichten ließ, wobei immer fleißig  skizziert wurde. Die gewonnenen Skizzen dienten auch zur Veröffentlichung der militärischen Kampagnen beispielsweise in Tagebuchform. Da die Gemälde zeitnah ausgeführt wurden, mussten sie auch wegen der vielen Zeitzeugen einen Realitätsbezug zu Schauplatz und Ablauf haben und konnten die Dramatik der Ereignisse nicht mehr wie die Düsseldorfer mit kompositorischen Mitteln bewältigen, in der Regel mit einer das Bild beherrschenden Diagonalen oder einer Dreieckskomposition. Diesem Prinzip musste noch Adolph Menzel mit seinem Bild zu "Friedrich und die Seinen bei Hochkirch" oder dem "Bon soir, Messieurs" folgen. Mit seinem "Exkurs: Die belgischen Bilder von 1842" widmet sich der Verfasser dem entscheidenden Wendepunkt in der neuen realistischen Art künstlerischer Bewältigung des Typs von Geschichtsbild. Louis Gaillait und Édouard de Bièfve hatten 1842 mit ihren beiden großformatigen Gemälden "Die Abdankung Karls V." und "Der Kompromiss des niederländischen Adels", die von der Begeisterung der Fachgenossen wie des Publikums getragen durch die Ausstellungen in Deutschland – so auch in Düsseldorf und Berlin – wanderten, mit Architekturkulisse und zahlreichem Personenkreis die reale Wiedergabe historischer Ereignisse suggeriert, dem gegenüber die traditionellen Geschichtsbilder wie Pilotys "Seni an der Leiche Wallensteins" von 1855 noch betulich biedermeierlich "durch die Größe ihrer Ideen" (Max Schasler) wirkten. Das Ende der europäischen Geschichtsmalerei ist sicherlich, wie Eberle darstellt, auf jene Maler zurückzuführen, die den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatten und für die der Krieg kein "Stahlgewitter" (Ernst Jünger), sondern ein Trauma war. Den neuen Medien dürfte Eberle eine zu große Bedeutung zugeschrieben haben. Denn es darf nicht vernachlässigt werden, dass im Ersten Weltkrieg Maler als "Kriegsmaler" mit dem Ziel verpflichtet wurden, mit ihren Bildern vom Kriegsschauplatz ein Kriegsmuseum zu bestücken, das in Berlin im Anschluss an die "Ruhmeshalle" hinter dem Zeughaus errichtet werden sollte - ein noch zu erforschendes Kapitel. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Maler von 1914 erneut aktiviert, in erster Linie vertreten durch Franz Eichhorst, der der Truppe folgend schwerkrank aus Stalingrad ausgeflogen wurde; sein Bild "Stalingrad", als Graphik vervielfältigt, bedarf noch der Interpretation. Das Geschichtsbild und auch das Schlachtenbild musste nach zwei verheerenden Niederlagen, die das Deutsche Reich an den Rand der Existenz geführt hatten, zwangsläufig und besonders nach 1945 zur Verständnislosigkeit gegenüber der "volkstümliche(n) Bedeutung de(s) für alles Große und Schöne offenen und empfänglichen Sinn(s) der Nation" führen.

Prof. Helmut Engel

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